ZwischenräumeVeronika Wiegartz 

Katalogtext Mythos Wasser 2000

Für seinen Beitrag zur Ausstellung "Mythos Wasser" reizten Achim Locke die drei großen Blindfenster an der Westfassade des Gerhard Marcks-Hauses. Umgestaltet gaukeln die üblicherweise leeren Mauervertiefungen dem Betrachter nun den geheimnisvollen Blick in eine Welt unter Wasser vor. Die Mittel hierfür sind einfach, ihre Wirkung jedoch enorm: Spiegelreste, Flaschenscherben, Acrylblöcke, glitzernde Folien oder zerbrochene CD ´s fügen sich in einen ca. zehn Zentimeter tiefen Kasten zu einem abstrakten Ensemble zusammen, das nach vorne durch eine blau gefärbte Scheibe abgeschlossen wird. Farbgebung und Widerschein des von den Objektten im Inneren des Kastens reflektierten Lichtes schaffen die Illusion einer unendlichen, aber diffusen Weite, wie man sie normalerweise nur von den Unterwasserkameras der Taucher kennt.

 Die Installation an der Fassade des Gerhard Marks-Hauses wirkt irritierend, vielleicht sogar beunruhigend, da sie mit einem offensichtlichen Widerspruch arbeitet. Es entsteht der Eindruck, als ob das Innere des Hauses mit Wasser gefüllt sei, als ob sich hinter den Fenstern eine Welt darbiete, die dort de facto nicht sein kann. Und genau dieser Übergang von einer Welt in die andere ist es, der Achim Locke besonders fasziniert und dem er auf vielfältige Art und Weise nachspürt. Als bezeichnendes Beispiel für diese Suche mag die Existenz eines einhundert Seiten umfassendes, gemaltes Tagebuch (1995) gelten, in dem der Künstler seine Eindrücke unmittelbar nach dem Erwachen -zwischen Traum und Realität- festhielt. Einige dieser Vorlagen verarbeitete er als Grundlage für Bilder. Seine Malerei beschreibt Achim Locke folgerichtig als assoziativ und unter dem Impuls spontaner Eindrücke entstehend. Ungegenständlich und dennoch nicht völlig abstrakt, erlauben sie auch dem Betrachter, persönliche Vorstellungen über das Geschehene zu entwickeln - eintauchen in einen Raum dazwischen. Achim Lockes Objektkästen sind deshalb eine konsequente Weiterentwicklung seiner Malerei.

Zwar existieren diese Kästen auch als eigenständige Kunstwerke, doch interessiert den Künstler ortsbezogene Arbeiten wie die Installation am Gerhard Marks-Haus mehr, da sie die Situation des Übergangs und die Überschreitung einer Grenze intensiver erlebbar machen. Ergänzend sei deshalb au die temporäre Installation "Fenstersturz" (1997 in Wasserburg hingewiesen, für die Achim Locke die Existenz eines realen Fensters nutzte. Während im Inneren des Gebäudes auf der Höhe des Fensters das Video "Bewegungsstudien im Dazwischen" lief, welches durch eine Wand vor den Blicken von außen abgeschottet war, brach sich von der Straße her ein Mann, indem er scheinbar die Scheibe des Fensters zerschlug, seinen Weg genau in diese Zwischenwelt.