Fenster | zu Achim Lockes Landschaft - Fluchten  

Katalogtext 2006 |Dr. Arie Hartog | Gerhard Marks Haus Bremen

In seinen neueren Arbeiten nähert sich Achim Locke oberflächlich der Darstellung von Wirklichkeit. Das eigenartige Querformat erinnert an die Panoramafotos der späten 1980er Jahre, die wohl als letzte Zuckung der analogen Fotografie in die Geschichte eingehen werden. Aber während diese ihre Motive weit weg in die Tiefe des perspektivischen Raums platzierten, ist die Entfernung bei Locke viel geringer: eher Zoom als Panorama.

                                Ausstellungsansicht | Galerie Herold | Bremen 2006

Das Format verbindet 60 Motive, aber bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass es Teil einer Strategie ist,sich der Wirklichkeit zu nähern, gleichzeitig aber auf klarer Distanz zu bleiben.
In Lockes Landschaft - Fluchten verbergen sich zwei Negationen, die wohl als Garanten der Distanz interpretiert werden dürfen, und die direkt mit der Geschichte und dem Zustand der Malerei verbunden werden können.

Ein in der Kunstgeschichte entwickelter Terminus ermöglicht es, Lockes Werkreihe in ihrer Eigenart zu beschreiben. Während die theoretisch argumentierende Wissenschaft wie auch die Kritik seit einigen Jahren mit dem Begriff  “performativ” jonglieren, hat die Analyse des Betrachterverhaltens im 16. und 17. Jahrhundert daran anknĂĽpfend den Prozess des “Hineinsehens” zutage gefördert. Vor allem fĂĽr die Gattung Landschaft scheint dieser Prozess essenziell. Der Betrachter sieht einen Ausschnitt der Wirklichkeit und lässt sein Auge ĂĽber die verschiedenen Elemente des Bildes schweifen und entdeckt entweder bedeutungsvolle Szenen aus der Bibel (Flandern, 16.Jahrhundert), morbide Erinnerungen (Deutschland, frĂĽhes 1.) oder einen gekonnten formalen Zusammenhang (Frankreich, 17.). Das Wechselspiel zwischen Bild und Betrachter basiert im Fall der Landschaft auf dem in das Bild “Hineinsehen”. Achim Locke blockiert diesen Mechanismus ĂĽber die betonte Unschärfe in seinen Bildern,

Der Betrachter der Landschaft- Fluchten bleibt an der Oberfläche und wird dort mit der zweiten Negation konfrontiert. Diese Malerei handelt nicht davon, wie gut der Künstler ist. Gemalte Unschärfe und Bewegung sind zeitgenössische Manierismen, mit denen die Maler die Aufmerksamkeit der Betrachter vom Bild zum Können (Handwerk) verschieben. Lockes Werke sind “einfach gemalt”. Nichts mehr. Durch diese zweite Irritation hält er aber seine Betrachter beim einzelnen Bild.

Die beiden Strategien, die Achim Locke einsetzt und die sich als Negationen beschreiben lassen, geben auch dem benutzten Format der Landschaft - Fluchten einen besonderen Sinn. Während traditionelle Bildformate die Suggestion des Fensters mit sich tragen und dadurch den Blick in eine andere Welt hinein evozieren, scheint es bei Locke ein Gleiten von links nach rechts zu sein.